16
April
20:00 — 23:30

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Alle Zeit der Welt

Am Dienstag, 26. April, trafen sich rund 35 Mitglieder des Zürcher Werbeclubs im ältesten Uhrenverkaufsgeschäft der Welt, der Beyer Chronometrie Zürich. René Beyer, der das Familienunternehmen in der 8. Generation führt, überzeugte mit enormem Fachwissen und beantwortete charmant und mit Witz die Fragen der Besucher im zugehörigen Uhrenmuseum.

Es ist schon eigenartig. Da steht man im Untergeschoss der Firma Beyer an der Zürcher Bahnhofstrasse und staunt, ob all der edeln, exklusiven und raren Zeitmesser, die einen im zugehörigen Uhrenmuseum umgeben. Und stellt dann erheitert fest, dass keine der rund 600 Uhren die «richtige» Zeit anzeigt. Viele stehen still, andere ticken, pendeln und läuten vor sich hin, gänzlich unbeeindruckt von der Hektik draussen an der Bahnhofstrasse, wo die Leute um Minuten und Sekunden ringen. Wenn man gut hinhört, sagen einem die Uhren hier unten Dinge, die nicht mit Zeit im Sinne von Präzisionsinstrumenten zu tun haben, sondern mit Nachdenken über die Zeit, und was sie vielleicht sein könnte – so es sie denn überhaupt gibt.

Man ist überwältigt, irgendwie, vom Bestreben der Menschen, die Zeit mit handwerklicher Perfektion in kleinste Masseinheiten zu unterteilen. Und man staunt, weil einem diese mannigfaltige Sammlung eher zuflüstert: Zeit ergibt sich aus Zeitlosigkeit. Oder wie es in einer afrikanischen Betrachtung zum Ausdruck kommt: «Der Westen hat die Uhren; wir haben die Zeit.»

Solide und unabhängig in die Zukunft gehen

Aber verlassen wir die philosophische Betrachtungsweise, denn René Beyer wartet mit Fakten und Geschichte(n) auf zum Familienunternehmen, das im 2010 das 250-Jahr-Jubiläum begehen konnte. Die Fragen von ZW-Präsident Carlo Steiner beantwortete Beyer ausführlich und baute da und dort ein Bonmot oder eine auffällige Begebenheit ein. Etwa auf die Frage, ob sich der Goldpreis auf die Produkte auswirke. Was er eigentlich würde, wie Beyer sagte, aber auf Grund des starken Frankens könne und wolle man dies nicht auf die Kunden «abwälzen», weil man sonst einen grossen Nachteil hätte gegenüber der Konkurrenz im Euroland oder den USA. Beyer erzählte dann von Zeiten, als ein Dollar noch satte 5.20 Franken kostete, und amerikanische Soldaten bei Beyer «ziemlich viele» Uhren gekauft hätten, weil sie in der Schweiz vom starken Wechselkurs profitieren konnten.

Nach einem Exkurs in die Zürcher «Zunft-Geschichte» (Goldschmiede, Uhrmacher etc. gehören der Zunft der Hufschmiede an), ging ein leises Raunen durch den Raum, weil Beyer die teuerste Uhr, die er verkaufe, mit 1, 25 Millionen Franken bezifferte. «Wir haben derzeit zwei Kunden, die sich auf die Warteliste für eine «Sky Moon Tourbillon» aus dem Hause Patek Philippe haben setzen lassen.» Da jedoch von dieser Uhr nur vier, bis sechs pro Jahr hergestellt werden könnten, ergäben sich Wartezeiten von vier bis acht Jahren. Tja, Zeit braucht Zeit.

Und im Hause Beyer hat man «alle Zeit der Welt». Kontinuität sei für ihn denn auch «das Aller-, Allerwichtigste». Tradition dürfe nicht verstaubt wirken, aber gerade in diesem Segment der Uhrenbranche, die pro Jahr rund 16 Milliarden Franken umsetzt, sei es klug und der Nachhaltigkeit eben förderlich, nach dem Prinzip «Schuster bleib bei deinen Leisten» zu Geschäften. «So wurde im Hause Beyer noch nie jemand aus wirtschaftlichen Gründen entlassen. Und man könne es sich erlauben, etwa im Einkauf, antizyklisch zu agieren.» Dies werde auch von seinen Aktionären getragen. Weshalb die Beyer Chronometrie Zürich auf solider Basis und unabhängig in die Zukunft gehen könne, ohne Gefahr zu laufen, von einem Grossen übernommen zu werden.

Urs Schnider

Details

Date:
16.04.2011
Time:
20:00 - 23:30
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